Ballade auf den Dichter Francois Villon

Wolf Biermann - Pop, Deutschland
Ballade auf den Dichter Francois Villon
2 Plays
Duration: 4:29
Lyrics
[Songtext zu "Ballade auf den Dichter Francois Villon"] [Strophe 1] Mein großer Bruder Franz Villon wohnt bei mir mit auf Zimmer Wenn Leute bei mir schnüffeln geh'n, versteckt Villon sich immer Dann drückt er sich in' Kleiderschrank mit einer Flasche Wein Und wartet bis die Luft rein ist, die Luft ist nie ganz rein Er stinkt, der Dichter, blumensüß muss er gerochen haben Bevor sie ihn vor Jahr und Tag wie'n Hund begraben haben Wenn mal ein gutеr Freund da ist, vielleicht drеi schöne Frau'n Dann steigt er aus dem Kleiderschrank und trinkt bis Morgengrau'n Und singt vielleicht auch mal ein Lied, Balladen und Geschichten Vergisst er seinen Text, soufflier' ich ihm aus Brechts Gedichten [Strophe 2] Mein großer Bruder Franz Villon war oftmals in den Fängen Der Kirche und der Polizei, die wollten ihn aufhäng'n Und er erzählt, er lacht und weint, die dicke Margot dann Bringt jedes Mal zum Fluchen den alten, alten Mann Ich wüsste gern, was die ihm tat, doch will ich nicht drauf dräng'n Ist auch schon lange her, er hat mit seinen Bittgesängen Mit seinen Bittgesängen hat Villon sich oft verdrückt Aus Schuldturm und aus Kerkerhaft, das ist ihm gut geglückt Mit seinen Bittgesängen zog er sich oft aus der Schlinge Er wollt nicht, dass sein Hinterteil ihm schwer am Halse hinge [Strophe 3] Die Eitelkeit der höchsten Herrn konnt meilenweit er riechen Verewigt hat er manchen Arsch, in den er musste kriechen Doch scheiß frech war Francois Villon, mein großer Zimmergast Hat er nur freie Luft geschnappt und roten Wein geprasst Dann sang er unverschämt und schön wie Vögel frei im Wald Beim Lieben und beim Klauengeh'n, nun sitzt er da und lallt Der Wodkaschnaps aus Adlershof, der drückt ihm aufs Gehirn Mühselig liest er das ND, das Deutsch tut ihn verwirr'n Zwar hat man ihn als Kind gelehrt das hohe Schul-Latein Als Mann jedoch ließ er sich mehr mit niederm Volke ein [Strophe 4] Besucht mich abends mal Marie, dann geht Villon so lang Spazieren auf der Mauer und macht dort die Posten bang Die Kugeln geh'n durch ihn durch, doch aus den Löchern fließt Bei Franz Villon nicht Blut heraus, nur Rotwein sich ergießt Dann spielt er auf dem Stacheldraht aus Jux die große Harfe Die Grenzer schießen Rhythmus zu verschieden nach Bedarfe Erst, wenn Marie mich gegen früh fast ausgetrunken hat Und steht Marie ganz leise auf zur Arbeit in die Stadt Dann kommt Villon und hustet wild drei Pfund Patronenblei Und flucht und spuckt und ist doch voll Verständnis für uns zwei [Strophe 5] Natürlich kam die Sache raus, es lässt sich nichts verbergen In unserm Land ist Ordnung groß wie bei den sieben Zwergen Es schlugen gegen meine Tür am Morgen früh um drei Drei Herren aus dem großen Heer, der Volkespolizei "Herr Biermann", sagten sie zu mir, "Sie sind uns wohlbekannt" Als treuer Sohn der DDR, es ruft das Vaterland Gestehen Sie uns ohne Scheu, wohnt nicht seit einem Jahr Bei Ihnen ein gewisser Franz Fillonk mit rotem Haar? Ein Hetzer, der uns Nacht für Nacht in provokanter Weise Die Grenzsoldaten bange macht", ich antwortete leise (Ähm) [Strophe 6] "Jawohl, er hat mich fast verhetzt mit seinen frechen Liedern Doch sag' ich Ihnen im Vertraun, der Schuft tut mich anwider'n Hätt ich in diesen Tagen nicht Kurellas Schrift gelesen Von Kafka und der Fledermaus, ich wär verlor'n gewesen Er sitzt im Schrank, der Hund, ein Glück, dass Sie ihn endlich hol'n Ich lief mir seine Frechheit längst ab von den Kindersohl'n Ich bin ein frommer Kirchensohn, ein Lämmerschwänzchen bin ich Ein stiller Bürger, Blumen nur in Liedern sanft besing' ich" Die Herren von der Polizei erbrachen dann den Schrank Sie fanden nur Erbrochenes, das mählich niedersank
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Credits
- Writers
- Wolf Biermann