Das Haus an der Ampel (Skizzenbuch)

Reinhard Mey - Pop, Deutschland
Das Haus an der Ampel (Skizzenbuch)
3 Plays
Duration: 7:42
Lyrics
[Songtext zu "Das Haus an der Ampel (Skizzenbuch)"] [Strophe 1] Manchmal fahre ich aus 'ner alten Gewohnheit 'Ne Ausfahrt zu spät von der Autobahn raus Dann nehm' ich den Schleichweg durchs Dorf bis zur Ampel Dann halt ich genau vor meinem Elternhaus Da steht es noch immer wie vor hundert Jahr'n Als wir darin lebten, uneitel und schlicht Ein bisschen verwittert, ein bisschen verlassen Das Gartentor offen, im Flurfenster Licht Die Farbe der Haustür ist abgeblättert Das Fensterchen darin hat einen Sprung Der Klingelknopf über dem Namen verrostet Doch die Glocke klingt wie in der Erinnerung, mhm, mhm [Strophe 2] Meine Mutter macht auf, ihre Hände zittern wie immer ein wenig Es riecht nach Kaffee und ein bisschen nach Rauch Obwohl Vater ja angeblich schon lange nicht mehr raucht Ich seh' ihn im Sessel vor seinem alten Röhrenradio Die Augen geschlossen und er dirigiert Seinen Mozart, ich habe ihm rot auf der Skala Seine Lieblingssender mit Edding markiert In der Diele hängt dieser Trevira-Mantel Die steinalte Katze schnurrt leis vor sich hin Wie seh'n mich die beiden, was werden sie sagen Jetzt wo ich selbst so grau wie sie geworden bin? Mhm, mhm [Strophe 3] Auf dem Küchentisch steht das Glas Pulverkaffee Der Topf mit dem Tauchsieder, vorsintflutlich Der Kühlschrank beklebt mit Postkarten und Zetteln Ach, ich könnt' euch was erzählen, sag' ich Wie wir mit den Kindern die Dahlien gepflanzt haben In eurem Garten, um sie Jahr für Jahr Dann mühselig aus der gefrorenen Erde wieder auszugraben Wenn der Winter da war Und vorm Haus träumte Fred auf der Schaukel vom Fliegen Ihr habt sie dort mal nur für ihn aufgestellt Fred ist groß und ist tatsächlich Flieger geworden Und fliegt riesen Flugzeuge um die ganze Welt, mhm, mhm [Strophe 4] Tja, so trägt der Dreisatz, den ihr mit ihm übtet Noch einmal seine späten Früchte, wie gut Die drei mit euch lesen und schreiben lernten "Olaf malt Uta und Fu ruft tut" Wisst ihr noch wie Lulu in eurem Backofen Ihre Fimo-Tiere ausgehärtet hat? Und wie sie mit Mutter am Küchentisch malte Schier unermüdlich, Blatt für Blatt Nun, Lulu ist heute eine Silberschmiedin Sie singt, malt und kocht, da fällst du auf die Knie Und Mutter sagt: "Junge, hast du getrunken?" "Aber Mutter", sag' ich, "Das mach ich doch nie!", mhm "Aber Mutter, das mach ich doch nie" [Strophe 5] Und Großenkel habt ihr, ja, ganz wunderbare So freundliche kleine, also ich sag' Die werdet ihr lieben, die singen und tanzen Und malen den lieben, langen Tag Und ich? Nun, ich mach' immer noch diese Lieder Ihr wisst ja, das wollte ich immer schon gern Ob man davon leben kann, was soll ich sagen? Eh zu spät, dass ich noch was Richtiges lern' Ich träume noch oft wie als Kind Ich hole euch mit meinem goldenen Motorboot Von der Arbeit ab und wir fahr'n nach Paris Und in der Kajüte macht Mutter das Abendbrot, mhm, mhm [Strophe 6] Vater steht auf, legt die Frankfurter Zeitung In den Karton für das Altpapier Den hattet ihr ausgelegt mit Ahornblättern Für den verletzten Igel, den Max und ihr Eines Abends am Straßenrand aufgelesen und liebevoll aufgepäppelt habt Eh ihr ihm im Laubhaufen hinten im Garten Ein sicheres Quartier und die Freiheit gabt Und, ja, Max ist gegang'n, Max hat alles geseh'n Die dunkelsten Nächte und den hellsten Schein Immer ein bisschen weiter, immer allen voran Immer auf seinem Weg und ganz allein, mhm [Outro] Ach, was erzähl' ich euch hier? Das wisst ihr doch alles längst Da oben auf eurem Wolkenthron Hupen und blinken hinter mir, die Ampel ist grün Ist ja gut, ist ja gut, ist ja gut, ich fahre ja schon, mhm, mhm Mhm, mhm
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Credits
- Writers
- Reinhard Mey